Vielleicht hast du schon mal von dem Modell der inneren Antreiber gehört. Es handelt sich dabei um Persönlichkeitsanteile (im IFS „Teile“ genannt), die dich anspornen schnell zu sein, alles perfekt zu machen, alles selbst zu erledigen, dich immer anzustrengen oder es immer allen recht zu machen und nie nein zu sagen.
Diese Teile können dich massiv im Hamsterrad halten: Sind sie sehr aktiv, funktionierst du von früh bis spät und hast kaum Zeit für dich selbst. Dabei sind Pausen, Me-Time und Hobbies ein ganz wichtiger Faktor nicht nur für dein Nervensystem. Unverplante Zeit, die nur dir gehört, ist ein wichtiger Aspekt von Lebensqualität und dem Gefühl von Glücklichsein.
In diesem Beitrag geht es um deine inneren Antreiber, wie sie entstehen, wann sie problematisch werden – und was du tun kannst, um sie zu entlasten und wieder mehr Zeit für dich zu haben.
Wie entstehen innere Antreiber?
Innere Antreiber haben ihren Ursprung fast immer in der Kindheit oder Jugend. Ich durfte schon viele innere Antreiber meiner Klientinnen und Klienten kennenlernen und die Entstehungsgeschichten der belasteten Teile ebenso zahlreich wie die Menschen, die sie mitbringen.
Innere Antreiber sind Überlebensstrategien. Und es gab eine Zeit, in der der Teil gelernt hat, dass du nur gesehen wirst, wenn du leistest, dass du nur Zuneigung erhältst, wenn du alles perfekt machst, oder dass du immer funktionieren und stark sein musst, weil sonst alles zusammenbricht. Die Teile haben also die alten Strategien aus deiner Kindheit oder Jugend bis heute nicht abgelegt, obwohl die Umstände längst andere sind und du heute ein erwachsener Mensch bist.
Bedenke, dass die meisten deiner Teile (und dazu zählen auch deine inneren Antreiber) die Sicht von empfindsamen Kindern haben. Es geht darum, was die 5-Jährige oder der 8-Jährige erlebt und gefühlt hat. Kinder brauchen den Schutz und die Fürsorge der Eltern. Sie tun fast alles, um sich die Liebe von Mama und Papa zu „sichern“. Ein Weg führt zum Beispiel über perfekte Leistungen und harte Arbeit.
Es ist allerdings nicht immer das Elternhaus, das innere Antreiber ins Leben ruft. Ich habe in meiner Praxis auch schon gesehen, wie der einzelne Satz einer Lehrerin in einem Kind einen extremen Leistungsdruck ausgelöst hat, der die Klientin bis ins Erwachsenenalter begleitete.
Wie zeigen sich Antreiber im Alltag?
Du spürst innere Antreiber in deinem Alltag immer dann, wenn du deine Pausen, deine dringend benötigte Erholung und das, was dir wirklich guttut, hintenanstellst und um jeden Preis funktionierst, lieferst, alles schaffst und niemanden enttäuschst.
Hier einige Beispiele:
- Du hast gerade richtig viel zu tun, aber morgen hat deine beste Freundin Geburtstag. Du MUSST ihr heute Abend noch einen aufwendigen Kuchen backen, weil sie sonst sicher enttäuscht ist. Mit entspannteren „Leistungsteilen“ könntest du feststellen, dass es dir heute einfach zu stressig wird, noch zu backen, und morgen Kuchen vom Bäcker holen.
- Deine To-Do-Liste ist (wie bei vielen Menschen) lang. Du arbeitest bis zehn Uhr abends daran, diese endlose Liste endlich abzuarbeiten – was natürlich nie gelingt. Stell dir vor, du könntest priorisieren und schauen, was heute noch wirklich dringend getan werden muss, und alles andere verschieben, delegieren oder den einen oder anderen Punkt auch einfach streichen. Dann wärst du schon um 20 Uhr fertig und könntest den Abend so verbringen, dass er dich entspannt und nährt.
- Du hast einen Vollzeitjob und eine Familie und liebst es sauber und ordentlich. Daher putzt du jeden Tag und räumst hinter deinen Kindern auf, damit die Wohnung jederzeit blitzblank aussieht. Was sollen sonst die Leute denken? Aber wo bleibt deine Erholungszeit? Ohne den Antreiber könntest du dich vielleicht auch in einer 80 Prozent ordentlichen Wohnung wohlfühlen oder eine Reinigungskraft engagieren, die dich unterstützt.
Wann werden die Antreiber zum Problem?
Natürlich ist das Leben manchmal stressig und es gibt Zeiten, in denen wir nicht die Erholung bekommen, die wir eigentlich bräuchten – zum Beispiel, wenn du kleine Kinder hast oder kurz vor dem Abschluss eines wichtigen Projektes stehst.
Innere Antreiber werden dann zum Problem, wenn sie dich permanent im Hamsterrad halten. Wenn du dich mit ihnen so stark identifiziert, dass du gar nicht anders kannst, als alles perfekt, schnell und ohne Hilfe zu erledigen – egal ob die Umstände es gerade erfordern oder nicht.

Du merkst diesen Zustand daran
- dass du viel weniger Zeit für dich hast, als dir eigentlich guttun würde.
- dass du keinen Raum für Hobbies, Pausen oder Entspannung hast.
- dass du dich den ganzen Tag irgendwie gehetzt und gestresst fühlst.
- dass du nicht nein sagen kannst, um niemanden zu enttäuschen.
- dass du keine Hilfe annehmen kannst.
- Bei starker Stressbelastung meldet sich irgendwann der Körper, du fühlst dich nervös und unruhig, vielleicht spürst du dein Herz stärker als sonst oder kannst nicht tief atmen.
Langfristig leidet deine Lebensqualität und dein Nervensystem gerät in eine Daueranspannung.
Innere Antreiber aus IFS-Sicht
Innere Antreiber sind im IFS-Modell auch nur weitere deiner „Teile“, die etwas tun, um dich zu schützen. Kein Teil ist schlecht, auch die Teile nicht, die für deinen Dauerstress verantwortlich sind. Die Teile sind nur durch Erfahrungen, die du als Kind oder Jugendliche gemacht hast, in extreme Rollen gezwungen worden.
Die IFS-Arbeit zeigt, dass deine Schützerteile (und damit auch deine inneren Antreiber) grundsätzlich nur dein Bestens für dich im Sinn haben. Sie wollen, dass du sicher bist und für andere „gut genug“, damit du nicht plötzlich allein dastehst (denn das wäre für ein Kind das Schlimmste). Sie schützen sich vor Enttäuschung, Beschämung oder Ablehnung.
Und genau von dieser Grundannahme aus können wir innere Antreiber aus ihren extremen Rollen befreien. So hast du wieder mehr Raum für dich und die Freiheit, das zu tun, was wirklich dir, deinen Werten und deinen Bedürfnissen entspricht.
Wie du mit deinen Antreibern arbeiten kannst
Die Arbeit an inneren Antreibern mit der IFS-Methode ist ein sehr achtsamer und wertschätzender Ansatz. Es geht nie darum, den Teil loszuwerden oder ihn umzuerziehen. Über eine Innenreise nimmst du erst mal Kontakt mit dem Teil auf. Wie sieht er aus? Wo zeigt er sich im Körper? Wann ist er aktiv?
Über mehrere Stufen erkennst du zuerst, was dein Antreiber da eigentlich die ganze Zeit für dich tut und wie hart er für dich arbeitet. Und du erfährst, wovor er dich letztendlich schützen will. Dieser Punkt ist oft sehr berührend, wenn meine KlientInnen wirklich verstehen, was seine schlimmste Befürchtung ist, wenn er sie nicht ständig antreiben würde. Wertschätzung ist der erste Schritt, um einen Antreiber zu entspannen.
Hinter jedem Antreiber stehen kindliche Anteile, die erlebt haben, wie es ist, wenn sie nicht gut genug sind. Wir nennen sie „verbannte“ Teile, denn deine Antreiber tun alles, um die Gefühle von damals aus deinem Bewusstsein herauszuhalten. Das, was du damals gefühlt hast, sollst du nie wieder fühlen müssen, daher musst du dich mehr anstrengen, funktionieren und alle um dich herum zufriedenstellen. Die „Verbannten“ nachträglich zu versorgen ist ein zentraler Bestandteil der IFS-Therapie.
Am Ende kannst du mit deinem Antreiber zusammen eine neue Aufgabe für ihn finden, die im Sinne des Gesamtsystems ist. Ein Anteil, der immer deine To-Do-Liste durchboxen wollte, hilft dir dann vielleicht, dich besser zu organisieren. Ein Teil, der dich bisher dazu brachte, bloß keine Fehler zu machen, könnte dir zukünftig helfen zu prüfen, wie viel Sorgfalt eine Aufgabe tatsächlich erfordert.
Du wünscht dir eine individuelle Begleitung, um aus deinen eigenen Stressmustern herauszukommen und wieder mehr Zeit für dich zu haben? Dann findest du hier mein Angebot für Einzeltermine.
Erst mal schnuppern? In meiner kostenlosen E-Mail-Reihe „Wege aus dem Stress – 7 Impulse für mehr Ruhe im Nervensystem“ findest du in der siebenten E-Mail eine eingesprochene IFS-Innenreisen, mit der du einen ersten Kontakt zu einem deiner Antreiber herstellen kannst.